ZEITSCHICHTEN

Ausstellung in der Wehrmuehle, Biesenthal bei Berlin

Eröffnung: 28.09.2024

14:00 – 22:00

Laufzeit: 29.September – 06.Oktober 2024

Opening hours: Every day from 14:00 – 20:00

Ausstellung mit Camilla Richter (Glas), Hans Leser (Licht) und Maria Hinze (Malerei)

Christian Egger, Gregor Hildebrandt, Simon Faithfull, Christoph Weber (Skulptur); Astrid Rausch und Julia Maurer (Malerei)

Curated Kuratiert von Maria Hinze

Soft Power, Darbietung in Musik und Wort mit Schorsch Kamerun

M.Rux, Ai Ris

Dokutrailer zur Ausstellung mit Kamera von Christian Söder, Schauspieler*innen Rebecca Klingenberg, Gabriel von Berlepsch

ZEITSCHICHTEN

Der Fokus der Ausstellung Zeitschichten liegt auf der Auseinandersetzung mit Malerei, Licht und Glas im Zusammenspiel mit Zeit und der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen zeitlichen Wahrnehmungsperspektiven.

Ganz einfach gesagt braucht Wahrnehmung Zeit, so, wie auch ein Bild eine bestimmte Entstehungszeit braucht. Zeit kann man wahrnehmen durch Bildermalen und Bilderanschauen. Betrachtet man Malerei als Prozess von Zeitabläufen, ist ein Bild das Erleben von Zeit, sowohl für Maler*innen als auch Rezipient*innen. In einer fertigen Arbeit ist alles zugleich sichtbar, obwohl die einzelnen Schichten und Überlagerungen auf ein zeitliches Element hinweisen – die Zeitschichten.

Die Wahrnehmung von Zeit ist zum Beispiel möglich aus den Perspektiven der subjektiven Zeitempfindung, der relationalen Zeitempfindung, in Beziehung gesetzt zu anderen Menschen, und der messbaren, zählbaren Zeitempfindung, vorgegeben in Tag, Nacht, Datum, Uhrzeit. Ein weiteres Beispiel von Zeitwahrnehmung sind die Jahreszeiten. Diese zeitlichen Aspekte können als Grundlage für die Betrachtungen über Zeit genommen werden.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist, dass die erlebte Zeit einen Überbegriff darstellt, der auch den Prozess der Entstehung eines Bildes beschreibt: die Maler*innen entscheiden, wie lange sie malen – die Betrachter*innen entscheiden, wie lange sie schauen. Zeit wird bei beiden als ein Moment der Bewegung und auch des Stillstands und Innehaltens gezeigt. Inspirierend sind in dem Zusammenhang die Glasobjekte von Camilla Richter, in denen sich die Betrachter*innen in verschiedensten Perspektiven immer wieder neu in ihrer eigenen Spiegelung finden können. Die Bewegung der Schauenden verändert ihre Spiegelung im Objekt.

Betrachtet man Zeit als etwas Ganzes, in dem man sich bewegt, ist das Bild Teilergebnis einer Bewegung, während die Zeit als solche unteilbar bleibt (frei nach Henry Bergson*). Nach Bergson ist die Zeit kontinuierlich und damit eine Einheit, die sich über die Dauer definiert. Zeitabläufe in Arbeitsprozessen wie zum Beispiel in der Malerei stellen die Frage, woraus und wie unterschiedlich oder ähnlich die Wahrnehmung zusammengesetzt ist. Die verschiedenen Dimensionen eines Bildes in Entstehung und Rezeption gilt es immer wieder neu zu hinterfragen.

Ursprünglich basierte die menschliche Wahrnehmung der absoluten Zeit auf dem Lauf der Gestirne – einem Tag definiert durch den Zyklus von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang, einem Monat markiert durch die Mondphasen und einem Jahr definiert durch den Wechsel der Jahreszeiten. Diese rhythmischen astronomischen Ereignisse prägten das Empfinden einer konstanten, allgemeingültigen Zeit. Im Gegensatz dazu, stellen die moderne Philosophie und Naturwissenschaft, insbesondere Einsteins Relativitätstheorie, die Vorstellung einer absoluten Zeit in Frage. Die Theorie suggeriert, dass Zeit relativ und abhängig von Beobachter*innen sowie von Variablen wie Geschwindigkeit und Gravitation ist. Das führt zu der grundlegenden Frage: Ist die Zeit wirklich konstant?

An der Stelle steigt Hans Leser mit seiner Lichtinstallation ein, der sich wie die Glasobjekte von Camilla Richter und die Malerei und Zeichnung von Maria Hinze der Thematik Zeit auf ganz eigene Weise nähert. Seine Installation setzt das Verständnis von Zeit in den Kontext von antiker Zeitmessung und moderner Wissenschaft. Hans Leser greift Ideen dieser Konzepte auf, und macht sie durch die Kombination eines Sonnenfolgers mit einer kinetischen Spiegelinstallation erfahrbar. Der Heliostat ist ein einstellbarer Umlenkspiegel, der dem Lauf der Sonne folgt und Sonnenlicht dauerhaft auf die im Schatten befindliche Spiegelinstallation lenkt. Wie von einer umgekehrten Sonnenuhr wird ein wandernder Sonnenstrahl eingefangen und im Raum fixiert. So wird ein Anhalten der Zeit symbolisiert.

Der zweite Teil der Installation von Hans Leser, eine Konstruktion aus drei in sich verschlungenen Spiegelringen, ermöglicht den Betrachter*innen unterschiedliche Perspektiven. Die veränderlichen Ansichten vermitteln die Idee, dass das, was einmal als ein in sich geschlossener Ablauf erscheint, sich aus einem anderen Blickwinkel in verschiedene unabhängige Zustände auflösen kann.

Die Ausstellung Zeitschichten setzt sich mit dem Thema Zeit über Glas, Licht und Malerei und über das Lineare hinaus, über Vielschichtigkeit, Multiperspektivität, Parallelgeschehnisse, Mehrdimensionalität, und auch über Leerräume und Pausen als mögliche Bewegung und/oder Stillstand auseinander.

Zeitschichten als ein experimentelles Ausstellungsformat bietet eine tiefgreifende Reflexion über die Wahrnehmung von Zeit an und lädt zum Nachdenken über die Relativität subjektiven Erlebens und persönlicher Wahrnehmung ein, zwischen urzeitlicher Zeitmessung und zeitgenössischer Uhrzeit, der Sonnenuhr als Ur-Uhr und konzentriert auf Malerei, Licht und Glas als die drei Säulen der Ausstellung, auf denen die Auseinandersetzung mit dem Thema Zeit stattfinden kann.

Im Zusammenspiel mit den Arbeiten von Camilla Richter, Hans Leser und Maria Hinze werden ausgewählte Arbeiten von Christian Egger, Gregor Hildebrandt, Simon Faithfull, Christoph Weber, Julia Maurer und Astrid Rausch gezeigt.

Text: Maria Hinze

*Henry Bergson, Zeit und Freiheit, Die Idee der Dauer, S.71 – S.124, Hamburg:2016