Neue Arbeiten – at X Verleih AG, Berlin

Ausstellung bei X Verleih AG

auf Einladung von Leila Hamid

X Verleih AG / X Filme Creative Pool GmbH: Köpenicker Str. 20, 10997 Berlin

15. Dezember 2025 – 30. April 2026

Besichtigung nach Vereinbarung

Flüchtigkeit – kurzes Verweilen – in Bewegung bleiben: Flüchtigkeit – kurzes Verweilen – in Bewegung bleiben: Die aktuelle Ausstellung von Maria Hinze ist in tektonischen Zwischenräumen verortet, die für Kontinuität, gleichzeitig für dynamische Handlung und für die Bedingungen des ständigen Wandels selbst stehen. Hinzes Ausstellung bei X Filme ist eine Reflexion über den transitorischen Zustand.

Die renommierte Filmproduktion X Filme ist kürzlich umgezogen. Die „Sammlung bewegter Bilder“ hat nun einen Platz direkt am Ufer der Spree gefunden. Auch hier gibt es einen formalen und inhaltlichen Bogen zwischen der Ausstellung von Hinze und diesem besonderen Ort in Berlin-Kreuzberg:

Der vitale Fluss des Wassers tritt in einen Dialog mit den flüssigen Farben der Gemälde.

Resonanzen durchziehen Hinzes neueste Bilderserie: flüchtige Malereien, erfüllt von einer eigenen illusorischen Aktivität, scheinen mit wandelbaren Figuren zu flackern – sie sind Stellvertreter unserer privaten Kataloge von Ängsten, unserer Lexika vermeintlicher Wahrheiten und fragiler Gewissheiten. Das unterstreicht zugleich das inhaltliche und strukturelle Konzept des Filmprogramms von X Filme, denn diese Resonanzen spiegeln sich auch in dessen einzigartigem Programm und diesem besonderen Ort wider. Ort und Bild bilden das zentrale Dyadum, einen Zustand des Flusses, der zur Resonanzfläche zwischen Artefakt und Fakt wird.

In dieser Iteration präsentiert die Künstlerin eine Serie von Gemälden, präzise arrangiert in hellen, weißen Räumlichkeiten. Innerhalb der Bilderahmen waschen Farben auf, der Schwung der ursprünglichen Geste der Künstlerin ist entschlossen, fortzubestehen – zieht sich aber gleichzeitig immer wieder zurück. Die Arbeitsweise lässt sich in den Bildern teilweise nachvollziehen, teilweise bleiben die Betrachtenden über den Entstehungsprozess im Unklaren und fragen sich: Wie ist das gemacht?

Für die Form braucht es keine Erklärung, außer jene, dass ausschließlich die Begrenzung des Leinwandformats vorgegeben ist. Die Auflösung der Farben, die Malerei an sich ist bei Hinze inhaltlich eine Meditation über imaginierte Fläche und ursprüngliche Form: Sollte es jemals ein Sujet, eine Figur, ein Objekt gegeben haben, so kommen wir als Betrachtende nach dem Moment ihres Daseins im Bild. Sollte es jemals einen zukünftigen Moment des Daseins geben, sind wir als Besucher*innen der Ausstellung zu früh und einen Moment zuvor.

Hinze besteht in dieser Ausstellung darauf, dass wir genau rechtzeitig sind, um „Nichts“ zu erwarten. Zwischen den Zeiten, zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem, in einer sogenannten „Nichtzone“ verfolgen wir mit der Künstlerin und der Betrachtung der Bilder die modulierten Linien, das subtile Erblühen der Farbschnittstellen, die jegliche Definition nur andeuten und zugleich herausfordern – alles was dort „nicht ist“, scheint genau dafür sehr lebendig und beweglich zu sein.

Alles ist, wie es sein soll, an der Grenze des Nicht-Seins: Hier lädt Hinze die Betrachtenden ein, sich entlang einer „Proustschen Meditation“ über Ephemerität treiben zu lassen; über visuelle Reime, die bei der Betrachtung der Bilder sichtbar werden. Deutlich wird ein metaphorisches Nichts, das durch einen visuellen Traumzustand, unser Bewusstsein ins Imaginäre faltet.

Bilder anschauen entlässt uns von uns selbst ebenso, wie es uns zu uns selbst zurückführt. Hinzes Bilder sind beides; auf den ersten Blick formlos und doch beim näheren Betrachten von instinktiver Gerichtetheit durchzogen. Farbe und Sättigung runden sich gegenseitig ab, die Linie tritt bei den aktuellen Arbeiten weniger in den Vordergrund – im Kontrast zu anderen Arbeiten von Hinze, die vor allem die Linie in den Mittelpunkt stellen, und teilweise den Rahmen unterlaufen. Sanft, schwellend, in Schichten und Wellen lösen sich Farben auf den Leinwänden in zunehmend zarteren Tönen auf – sie verblassen und werden zu jenem transitorischen „Nichts“,
das Hinze beschäftigt.

Parallelismen, ein formaler Begriff der Literaturkritik, überschreiten in dieser Ausstellung die Gattungsgrenzen, die sich stark von Prousts „À la recherche du temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) inspirieren lassen. Gedanken hallen als Echo wider, alles im Bild ist in Bewegung, Veränderung und Umbruch werden für die Betrachtenden visuell und materiell erfahrbar. Die Kontur ist der Behälter der Figur, die Leinwände fluten Farbe ohne Begrenzung; das Bild endet nur am Rahmen, weil dort die physische Bildgrenze ist.

Die Übertragung literarischer Methoden in das visuelle Medium Malerei ist der Beitrag der Künstlerin zum fortdauernden Diskurs, der in dieser Ausstellung von Prousts Roman inspiriert ist. Kann Alliteration dem Monochromatischen entsprechen? Kann eine Komposition ihres Sujets entleert werden und durch Malerei ein Porträt der Abwesenheit oder des Nicht-Seins annehmen? Was sehen wir, wenn wir es betrachten?

Ausgehend von der Vorstellung, dass die Natur ein Vakuum scheut, erforscht Hinze Reaktionen auf die Leere, indem sie Flüchtigkeit malerisch darstellt. Was bleibt von einem Bild, wenn es abwesend ist?

Hypothetisch betrachtet scheut der menschliche Geist die Leere, scheut das Undefinierbare und koppelt sich mühelos von dem ab, was wir die natürliche Welt nennen – bis er konfrontiert wird und das Wesentliche katalysiert. Der Instinkt, die Leere zu befüllen und das Undefinierte zu kategorisieren, ist eine tiefe Angst – wir vergessen ebenso leicht, wie wir vergessen werden.

Das unablässige Rauschen des menschlichen Bewusstseins stemmt sich gegen die Idee der Nichtexistenz. Hinze erinnert uns daran, dass das Nichts der Sitz des Seins ist, dass die Leere eine Öffnung und eine Einladung, der Ort des Anfangs und des Neubeginns sein kann.

Aus der Spannung heraus tritt das hervor, was schwebt, lose gebunden und unbegrenzt ist – das Selbst.

Text: Maria Hinze, in Zusammenarbeit mit jes dolan